Einsatzbericht

Der folgende Bericht wurde abstrahiert anhand eines realen Einsatzes verfasst.


Winter im Allgäu. Es schneit schon seit Tagen unerlässlich. Heute schneit es nochmal besonders stark. Es ist Mittag, ich bin zu Hause, habe Bereitschaft für das KIT Kempten und erledige einige Dinge im Haushalt. Da geht der Melder.

Ich rufe in der Leitstelle an und erfahre von dem Kollegen, was mich erwartet. Eine Frau im mittleren Alter ist unerwartet zu Hause verstorben. Rettungsdienst und Notarzt seien noch vor Ort. Sie hatten die letzte Stunde versucht, das Leben der Frau zu retten, doch die Reanimation blieb erfolglos. Nun sind die Eltern der Frau zu betreuen, diese hatten sie auch leblos vorgefunden und den Notruf abgesetzt. 

Ich rufe die Hospitantin an, die gemeinsam mit mir Bereitschaft hat und schildere ihr kurz den Sachverhalt. Wir sprechen uns ab und beschließen, uns an der Einsatzstelle zu treffen. Ich ziehe mich rasch um und mache mich mit meinem Auto auf den Weg. Die Schneemassen der letzten Tage erschweren etwas die Parkplatzsuche, doch ich werde fündig. Vor dem Haus, in dem die Frau lebte, treffe ich noch wie angekündigt auf die Kollegen des Rettungsdienstes. Gemeinsam mit der Hospitantin, die zwischenzeitlich ebenfalls eingetroffen ist, tauschen wir uns kurz aus und betreten dann das Haus.

Die Verstorbene liegt noch im Wohnzimmer auf dem Fußboden. Der Notarzt schreibt das Protokoll, die gefasst wirkenden Eltern stehen daneben. Wir stellen uns vor und ich meine eine gewisse Erleichterung über unser Erscheinen bei allen Beteiligten zu verspüren. Nachdem der Notarzt fertig ist, spricht er nochmal mit den Eltern und verabschiedet sich. 

Die Eltern fangen an zu erzählen. Sie hatten noch vor ein paar Stunden mit ihrer Tochter telefoniert, nun waren sie mit ihr verabredet gewesen. Doch auf das Klingeln hatte sie nicht reagiert und als sie die Türe aufgesperrten, hatten sie sie leblos auf dem Boden vorgefunden. Beim Absetzen des Notrufes wurden sie von dem Disponenten zu einer Herz-Lungen-Wiederbelebung angeleitet und hatten diese bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte durchgeführt. Diese hatten anschließend versucht, ihre Tochter zu reanimieren. Sie hatte zwar Vorerkrankungen, aber mit diesem plötzlichen Tod war absolut nicht zu rechnen gewesen. 

Die Eltern möchten ihre Tochter noch zudecken, die Mutter holt aus dem Schlafzimmer Decke und Kissen. Gemeinsam richten sie ihrer Tochter ganz sanft her. Wir zünden ein Teelicht an. Die Mutter kocht Tee und gemeinsam mit ihrem Mann erzählen sie uns aus dem Leben ihrer Tochter. Sehr bald kommen sie auf die Schwester der Verstorbenen und machen sich Gedanken, wie sie ihrer Tochter von dem Tod berichten sollen, da diese gerade auf der Arbeit ist. Sie wägen ab, sollen sie es ihr am Telefon sagen, nein, das geht nicht, also doch nur eine Nachricht, dass sie anrufen soll. Oder nein, besser, dass sie herkommen soll. Aber was, wenn sie anruft und nachfragt oder sich solch große Sorgen allein aufgrund der Nachricht macht und dann in dem Schneechaos Auto fährt. Letztlich versuchen sie es also doch telefonisch, erreichen sie aber nicht. Ich biete an, wenn wir sie erreichen, sie an ihrer Arbeitsstelle abzuholen, sodass sie nicht aufgewühlt Auto fahren muss. Diesen Vorschlag nehmen die Eltern dankbar an.

Gemeinsam versuchen wir den Hausarzt der Verstorbenen zu erreichen. Notärzte/Notärztinnen dürfen nur eine so genannte vorläufige Todesbescheinigung ausfüllen. Daher muss durch einen zweiten Arzt/eine zweite Ärztin noch die endgültige Todesbescheinigung ausgefüllt werde. Üblicherweise geschieht dies durch den Hausarzt/die Hausärztin. Aufgrund der Mittagszeit erreichen wir aber auch hier zunächst niemanden und hinterlassen letztlich eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. 

Während wir weiter den Tee trinken, ruft die Tochter zurück. Die Eltern berichten ihr, was passiert ist und dass "jemand von dem Kriseninterventionsteam" sie abholen würde. Ich mache mich also durch den Schnee auf den Weg, während die Hospitantin bei den Eltern bleibt. 

An der Arbeitsstelle werde ich schon erwartet. Ich stelle mich kurz bei der Tochter vor. Auch diese wirkt recht gefasst, aber auch etwas aufgewühlt auf mich. Die Tochter verabschiedet sich von ihren Kolleginnen und Kollegen und steigt zu mir ins Auto. Dort prasseln dann etliche Fragen auf mich ein. Wo ihre Schwester gerade sei. Wie es ihren Eltern gehe. Was denn eigentlich passiert sei. Und wie eigentlich so ein verstorbener Mensch ausschaue, sie habe noch nie eine Leiche gesehen. Ich kann alle ihre Fragen sehr gut nachvollziehen und merke, wie sie mit jeder meiner Antworten ruhiger wird. Ich schildere ihr, was sie erwarten wird, wenn wir zu dem Haus ihrer Schwester kommen und versichere ihr, dass sie nicht alleine sein wird. Sie atmet tief durch und signalisiert mir, dass sie so weit ist, um loszufahren. Wir machen uns auf den Weg. 

 

Auf der Fahrt wechseln sich Phasen der Ruhe und Phasen des Gespräches miteinander ab. Wir sind in einem ähnlichen Alter und uns sympathisch, ich habe den Eindruck, ich kann gut dazu beitragen, dass sie sich für das Kommende gewappnet fühlt. Vor dem Haus angekommen nehmen wir uns noch kurz einen Moment. Ich kann ihr nochmal Kraft und Mut schenken und gemeinsam betreten wir das Haus. 

Dort kommt uns gerade der Hausarzt der Verstorbenen entgegen, er hatte sich zwischenzeitlich gemeldet und war noch direkt in der Mittagspause gekommen. Er verabschiedet sich gerade und macht sich wieder auf den Weg. Die Eltern und die Tochter fallen sich in die Arme. Dann geht sie ganz bedächtig auf ihre am Boden liegende Schwester zu. Im Raum ist es inzwischen etwas dunkler geworden und die Eltern haben zusammen mit meiner Kollegin noch einige Kerzen angezündet. Die gesamte Situation wirkt auf mich trotz des unerwarteten Todes unglaublich friedlich und besonders. Die Tochter kniet sich hin, begrüßt ihrer Schwester und streichelt ihr sanft über den Kopf. Ich bin sehr gerührt über diesen Anblick. 

Meine Kollegin und ich stimmen wortlos und mit Blicken darüber ein, dass es für uns nun langsam an der Zeit ist, sich zu verabschieden. Die Eltern hatten schon vorher beschlossen, dass sie die Verstorbene noch bis morgen im Hause behalten wollen und wissen auch, welches Bestattungsinstitut sie dann beauftragen wollen. Sie haben daher keine Fragen mehr an uns und wollen sich nun in Ruhe gemeinsam im Familienkreise von der Verstorbenen verabschieden. Wir überreichen noch unseren kurzen Infoflyer, schütteln Hände und die Tochter umarmt mich zum Abschied herzlich. 

Mit einem letzten Blick zurück verlasse ich das Haus. Die Hospitantin und ich machen uns getrennt auf den Heimweg, verabreden uns aber für den Abend nochmal für ein Telefonat um den Einsatz kurz nachzusprechen. Ich habe das Gefühl, dass wir bei diesem Einsatz erneut gut haben "zur Seite" stehen können und vor allem die praktische Unterstützung in Form des Fahrservices den Eltern eine große Erleichterung war.

Ich bin berührt von der Herzlichkeit, mit der sich alle begegnet sind, von der Tochter, die trotz ihrer anfänglichen Sorge dann ganz selbstverständlich mit ihrer verstorbenen Schwester umgegangen ist und von der friedlichen Stimmung im Wohnzimmer in der Dämmerung mit den Kerzen....